Zur Geschichte der Datenverarbeitung im langen 19. Jahrhundert. Volker Köhler (HG.)
Erschienen im transcript-verlag in der Reihe Edition Medienwissenschaft
Print, 192 Seiten ISBN 978-3-8376-8253-3
E-Book (PDF), 192 Seiten ISBN 978-3-8394-7856-1
… aus der Verlagsankündigung:
„Daten sind allgegenwärtig: Staaten und private Unternehmen sammeln sie, Individuen geben sie teils gern, teils widerwillig her. In den falschen Händen schüren sie Angst, in den richtigen Händen Hoffnung. Doch wann begann die Geschichte der Daten? Die Beiträger*innen werfen aus kultur-, wissens- und technikhistorischer Perspektive einen Blick auf das 19. Jahrhundert. Anhand von Fallbeispielen stellen sie fest, dass das Verhältnis von Staat und Individuum sowie von Gesellschaft und Natur auch auf Grundlage von Datenerhebungen und -interpretation seine moderne Form erhielt – und dass diese nicht nur digital und numerisch, sondern auch als Text und Bild Bedeutung erlangte.“
Rezension:
Bei dem zu rezensierenden Band handelt sich um eine Zusammenstellung einzelner Beiträger zu dem zu untersuchenden Thema, … die da sind:
»Mehr Data«? Ansätze zu einer Datengeschichte des 19. Jahrhunderts Eine Einleitung Volker Köhler
Maschinen, die rechnen. Die Automatisierung der Kopfarbeit De Prony – Babbage/Lovelace – Turing Christian Schröter …
Von Baumdaten zu Datenwäldern Eine Umweltgeschichte der Informationsverarbeitung im Ausklang des langen 19. Jahrhunderts Martin Schmitt
»Tote Seelen« Zur statistischen Problematik der Klassifikation von Tod und Leben im 19. Jahrhundert Nina Kreibig …
Erfassung und Verarbeitung Bildungsdaten in Schulprogrammen des 19. Jahrhunderts Viktoria Gräbe
Verräumlichte Zeit und verzeitlichter Raum Die Entstehung beweglicher Datenträger und dynamischer Grenzen im Deutschen Reich um 1900 … Philipp Kröger
Uniformen und Ausrüstung als Verwaltungsdaten Die Beispiele Hessen-Darmstadt und Bayern ca. 1770–1870 …
Von Daten und (ihren) Grenzen Zur Bedeutung und Methodik der Medizintopographie in der territorialen Expansion der USA um 1850 Julia Engelschalt …“
„Der vorliegende Band versteht sich als Baukasten, der verschieden förmige Ansätze einer Datengeschichte anbieten möchte und in dessen Zentrum die Empirie steht. Dieser Leitlinie folgend, setzt er sich aus Aufsätzen aus verschiedenen Teildisziplinen – der Wissens-, Technik, Medizin-, Schul-, und Kulturgeschichte – zusammen. Der Zeitraum dieser Beiträge umfasst dabei das sehr lange 19. Jahrhundert, während der räumliche Fokus auf West- und Mitteleuropa, mit einem Abstecher in die USA, liegt. “ (8)
„ … An dieser Stelle sind die wissenssoziologischen, -philosophischen, – und anthropologischen Arbeiten von Hans-Jörg Rheinberger und Bruno Latour zu nennen, welche die soziokulturellen Rahmenbedingungen der Faktenproduktion bereits in den 1980er, 1990er und 2000er Jahren beleuchteten und deren Erkenntnisse auch wegweisend für eine historisch Datenforschung waren. … „(10)
„… Latour und Rheinberger nehmen v.a. ihre zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Forschungen in den Blick und betonen die sozial und kulturell konstruierten Rahmenbedingungen naturwissenschaftlicher Erkenntnisse. Beispielsweise seien Messungen im Labor nicht als objektive Fakten zu werten, sondern ebenfalls den sozialen Rahmenbedingungen unterworfen, so Latour in seiner bewusst pointierten Zuspitzung der Beobachtungen, die er als Anthropologe im Forschungslabor gewann.“ ,,,(10)
„…Auch Friedrich Kittlers medienwissenschaftliche Arbeit über »Aufschreibesysteme 1800/1900« ist an dieser Stelle als eine wichtige Grundlage für eine Datengeschichte des 19. Jahrhunderts zu nennen, rückt sie doch die technologischen Bedingungen und Möglichkeiten in den Vordergrund, die Datensammlung und -interpretation überhaupt ermöglichten….“ (10)
„ … Es bleibt zu fragen, inwiefern diese Erkenntnisse einer philosophischen und anthropologischen Forschung auch auf das 19. Jahrhundert anwendbar sind. Sie bilden in jedem Fall den Ausgangspunkt für alle praxeologischen Überlegungen zur Datenerhebung und – verarbeitung, auch aus historischer Perspektive. „ … (10)
Es ist also „ …ein weites Feld.“
„Alle Beiträge eint dabei ein ähnlicher Befund: Dass es sich lohnt, die Praktiken der Datenverarbeitung im Einzelnen zu betrachten, dass an verschiedenen Orten verschiedene spezifische Lösungen zur Datenverarbeitung erschaffen wurden und dass diese nicht immer reflektiert, sondern manchmal pfadabhängig, manchmal nahezu zufällig, angewandt wurden. Dies scheint zusammenfassend betrachtet, das Signum des europäischen 19. Daten-Jahrhunderts zu sein. … „ (17)
Bei dieser Art der Besprechung eines Tagungsbandes kann nur das Ziel der Arbeit benannt und auf den allgemeinen Inhalt hingewiesen werden. Deshalb hier nur die allgemeine Bewertung. Das Buch gibt einen guten Überblick über wesentliche Schritte die historisch gesehen zu einem Aufbau einer Wissensbasis führen, die die Überschaubarkeit von Datensammlungen durch eine Zusammenstellung wesentlichen Inhalte der einzelnen Texte führt, um durch Vergleich und Gesamtbewertung damit einen möglichst geschlossenen Blick auf die Entwicklung der Aufgabe darstellt.
Die einzelnen Beiträge beschreiben anschaulich wie in der beginnenden Periode der Neuzeit, die Bedeutung der Sammlung von Datensammlungen kontinuierlich steigt, wie deren Bedeutung mehr und mehr für die weitere Entwicklung erkannt wird und neue Verfahren für deren Verarbeitung erforderlich werden, Für die Darstellung der Aussagen daraus wird die Entwicklung einer eigenen neuen Wissenschaft erforderlich, der Statistik.
Die Geschichte dieser Entwicklung kann in diesen Texten gut nachvollzogen werden..
Dr. Peter Dahms [www.Dahms-Projekt.de/wordpress]