{"id":937,"date":"2018-12-23T15:00:53","date_gmt":"2018-12-23T14:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dahms-projekt.de\/wordpress\/?p=937"},"modified":"2018-12-23T15:10:18","modified_gmt":"2018-12-23T14:10:18","slug":"stimme-und-sprechen-am-theater-formen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dahms-projekt.de\/wordpress\/2018\/12\/23\/stimme-und-sprechen-am-theater-formen\/","title":{"rendered":"Stimme und Sprechen am Theater formen"},"content":{"rendered":"<p>Dorothea Pachale\u00a0 &#8211;<br \/>\n<strong>Stimme und Sprechen am Theater formen &#8211;\u00a0<\/strong><br \/>\nDiskurse und Praktiken einer Sprechstimmbildung \u203af\u00fcr alle\u2039 vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart<\/p>\n<p><strong>Print<\/strong>, 34,99 EUR 7\/2018, 340 Seiten kart. ISBN 978-3-8376-4484-5<\/p>\n<p><strong>E-Book (PDF)<\/strong>, 34,99 EUR 6\/2018, 340 Seiten\u00a0 ISBN 978-3-8394-4484-9<\/p>\n<p>Aus der Reihe \u201a<strong>Theater<\/strong>\u2018 vom <strong>[transcript-verlag]<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>REZENSION:<\/strong><\/p>\n<p>Das vorliegende Buch ist als Dissertationsschriftangenommen von der Friedrich-Alexander-Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg Die Autorin untersucht in dieser Arbeit das im Theaterumfeld praktizierte Vorgehen zur Entwicklung und Schulung der Sprechstimme f\u00fcr Schauspieler. Die daf\u00fcr praktizierten \u00dcbungen und eingesetzten Verfahren wurden im Laufe der sich entwickelnden Gesellschaft auch als vorteilhaft f\u00fcr andere Bereiche, \u00fcber das k\u00fcnstlerische hinaus auch in der \u00d6konomie, Politik und weitere Gesellschaftsstrukturen als vorteilhaft angesehen und adaptiert. Die Autorin sieht eine enge Verbindung dieser Entwicklung mit den sich bildenden Strukturen der Disziplinargesellschaft nach McKenzie, analysiert in seiner Schrift \u201ePerform or Else\u201c zur Performancegesellschaft, wie sie Foucault in seiner Schrift als \u201e\u00dcberwachen und Strafen\u201c beschreibt. Dabei wird die Sprechstimmbildung, hervorgehend aus dem Theaterumfeld auf weitere Bereiche der Gesellschaft, als Prozess zur Entwicklung von Subjektivierungsprozessen \u00fcbernommen und wird somit zu einer Praxis \u201ef\u00fcr alle\u201c.<\/p>\n<p>Der beschriebene Zusammenhang der Praxis der Sprechstimmbildung mit der Entwicklung der Gesellschaftsstruktur soll in dieser Untersuchung hinterfragt werden, wie sich die gegenw\u00e4rtigen Formen der Sprechstimmbildung von deren Erscheinungsformen vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts unterscheiden und welche Gemeinsamkeiten sie in den beiden Phasen aufweisen; dabei wird auch herausgearbeitet, inwiefern sich in der Entwicklung der Sprechstimmbildung teilweise ambivalente Tendenzen zeigen, die sich nicht nahtlos in eine strikte Gegen\u00fcberstellung der Dynamiken von Disziplinar- und Performancegesellschaft f\u00fcgen und damit auch einen kritischen Blick auf die Gesellschaftsanalysen Foucaults und McKenzies erlauben.(21)<\/p>\n<p>\u201eMit Sprechstimmbildung wird in dieser Untersuchung eine Praxis bezeichnet, bei der die auf das Sprechen ausgerichtete Stimme ebenso wie Prozessaspekte des Sprechens geformt und ver\u00e4ndert werden sollen. Dabei geht es um k\u00f6rperlich-mentale Aspekte, die beeinflusst werden sollen und die in sozialen Interaktions- und Kommunikationsprozessen eine Rolle spielen.[\u2026]\u201c(16) \u201eAn diesen wenigen Beispielen wird deutlich, dass es \u00fcber die Beschreibung von Merkmalen von Stimme und Sprechen hinaus recht unterschiedliche Akzentuierungen dabei geben kann, wenn man die komplexen Ph\u00e4nomene Stimme und Sprechen zu fassen versucht. In der vorliegenden Untersuchung werden \u00fcber die \u00dcbungspraktiken, die normativen Vorgaben und die institutionelle Einbettung der Sprechstimmbildung insbesondere die soziale Dimension der Stimme und des Sprechens sowie die Historizit\u00e4t ihrer diskursiven Verfasstheit in den Blick genommen.\u201c (21) In den folgenden Kapiteln wird die Entwicklung der Sprechstimmbildung in historischer Sicht seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts \u00fcber die Mitte des 20. Jahrhunderts um 1990 bis in die Gegenwart nachvollzogen und analysiert, in welcher Weise sich die Praktiken in weite Bereiche der Gesellschaft etablierten und damit eine Bildung \u201ef\u00fcr alle\u201c, d.h. f\u00fcr jeden, der sich in seiner beruflichen oder gesellschaftlichen Rolle Vorteile von einer Sprechstimmbildung versprach.<\/p>\n<p>Hier einige Zitate zur Erl\u00e4uterung der historischen Entwicklung:<br \/>\n\u201eEnde des 19. Jahrhunderts verdichtet sich dann die Aufmerksamkeit f\u00fcr die Sprechstimme und ihre Ausbildung und nimmt spezifische Formen an, die in dieser Form neu sind: So entstehen eigene \u00dcbungsb\u00fccher, die dezidierte \u00dcbungsprogramme f\u00fcr die Stimme und das Sprechen enthalten und deren Ausrichtung mit der physiologisch-medizinischen Forschung zur Stimme zusammenh\u00e4ngt. Es kommt hier also erstmals zu einer schriftlichen Fixierung des \u00dcbungswissens um die Stimme und das Sprechen.\u201c (27)<br \/>\n\u201eSeit der Jahrhundertwende entsteht an deutschen Universit\u00e4ten aus Lektoraten f\u00fcr Vortragskunst ein eigenes Fach Sprechkunde\/Sprecherziehung\u2018, das sich um eine Institutionalisierung seiner Fachinhalte\u2013 Sprechstimmbildung, k\u00fcnstlerischer Vortrag und Redeschulung \u2013 an den Universit\u00e4ten und Schulen sowie um eine Regulierung des Bereichs der frei arbeitenden Sprechstimmbildner bem\u00fcht. Diese Entwicklungen lassen sich als Verdichtung des Diskurses um die Formung von Stimme und Sprechen beschreiben, in der Art, dass hier in gro\u00dfem Ausma\u00dfe, explizit und in detaillierter schriftlicher Form Fragen der Sprechstimmbildung behandelt werden sowie intensive Debatten um eine Institutionalisierung dieser Inhalte gef\u00fchrt werden.\u201c (27)<br \/>\n\u201eDie Unterst\u00fctzung, die die Sprecherziehung im Nationalsozialismus erhielt, mag mit dazu beigetragen haben, dass das Fach \u201aSprechkunde\/Sprecherziehung\u2018 nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik keine gr\u00f6\u00dfere Unterst\u00fctzung erfuhr. Innerhalb des Faches, das sich nun Sprechwissenschaft nennt, kommt es in der BRD zu einer Schwerpunktverlagerung hin zu Fragen rhetorischer Kommunikation, w\u00e4hrend die Sprechstimmbildung in den Hintergrund des Fachinteresses tritt.\u201c (28)<br \/>\n\u201eDer Fokus dieser Untersuchung liegt auf der Sprechstimmbildung, die sich an eine breite Zielgruppe richtet, gleichzeitig zeigen sich hier zahlreiche Bez\u00fcge zu den spezialisierten Sprechstimmbildungspraktiken des Sprech- und Musiktheaters. Auch wenn die Ausbildung der Stimme von S\u00e4ngern und Schauspielern hier also nicht im Mittelpunkt steht, so geht es doch um die Einflussnahme von Diskursen der Sprechstimmbildung aus dem Bereich der darstellenden K\u00fcnste auf die Diskurse und Praktiken einer Sprechstimmbildung f\u00fcr \u201aalle\u2018. Diese besteht beispielsweise darin, dass \u00dcbungsb\u00fccher und Methoden der Sprechstimmbildung, die zun\u00e4chst im Kontext der Schauspielerausbildung entstanden sind, mit der Zeit an eine breitere Zielgruppe gerichtet werden.\u201c (30)<\/p>\n<p>Die Autorin zieht das Fazit aus der Untersuchung:<br \/>\n\u201eIn der vorliegenden Untersuchung wurden die Diskurse und insbesondere die \u00dcbungspraktiken von Sprechstimmbildung im deutschsprachigen Raum in den Blick genommen. Ausgangspunkt war dabei die Beobachtung, dass es gegenw\u00e4rtig zahlreiche Angebote zur Sprechstimmbildung gibt, die sich an eine breit gef\u00e4cherte Zielgruppe richten \u2013 sei es in der Form von \u00dcbungsb\u00fcchern, als Gruppenseminare oder Einzeltrainings. Mit Blick auf die geschichtliche Entwicklung zeigte sich zudem, dass die Sprechstimme und ihre Formung bereits seit den letzten Dekaden des 19. Jahrhunderts verst\u00e4rkte Aufmerksamkeit erhielt \u2013 eine Entwicklung, die mit dem Zweiten Weltkrieg zun\u00e4chst endete. F\u00fcr beide Phasen lie\u00dfen sich intensive Wechselbeziehungen und Bez\u00fcge zwischen dem Bereich des Theaters und der Sprechstimmbildung \u201af\u00fcr alle\u2018 herausarbeiten, die jedoch nicht nur in Austauschprozessen, sondern auch in Abgrenzungsbewegungen bestehen.\u201c (307)<\/p>\n<p>Damit die Beantwortung der Frage, worin zeigt sich der Einfluss der Gesellschaftsform auf diese Entwicklung, der einf\u00fchrend postuliert wurde? \u201eDennoch lie\u00dfen sich ausgehend von den beiden Gesellschaftsanalysen unterschiedliche Zuschreibungen und Erwartungen herausarbeiten, die sich mit der Formung der Stimme und des Sprechens verbinden. Tendenziell gab es in der ersten \u201aHochphase\u2018 der Sprechstimmbildung ein starkes Interesse, das Sprechen an einheitlichen Normen auszurichten und \u00fcber eine breit ausgerichtete strukturelle Verankerung m\u00f6glichst viele Individuen mit diesen Uniformierungstendenzen zu erfassen \u2013 auch wenn eine umfassende Umsetzung nicht erfolgte. In der Gegenwart verbindet sich mit Praktiken der Sprechstimmbildung das Versprechen f\u00fcr den Einzelnen, den Anforderungen an soziale Interaktion gen\u00fcgen zu k\u00f6nnen, die sich in der Performancegesellschaft oft genug als schwer vorhersehbar gestalten. Um in diesen Dynamiken zu bestehen, erscheinen die Stimme und das Sprechen als wichtige Faktoren allt\u00e4glicher Selbstdarstellung. Die Sprechstimmbildung erscheint dabei als eine vielschichtige Praxis, die f\u00fcr die handelnden Subjekte einerseits mehr Handlungsmacht verspricht, zugleich jedoch auch selbst normative Wirkung entfaltet.\u201c (310)<\/p>\n<p>Das Buch ist eine hochinteressante Analyse, \u00fcber eine Technik aus der Theaterumgebung und -praxis, die im Laufe der fortschreitenden Gesellschaftsentwicklung in weiten Kreisen Interesse findet und als Technik der pers\u00f6nlichen Optimierung im gesellschaftlichen Umfeld \u00fcbernommen wird und in weiten Bereichen Anwendung findet.<\/p>\n<p><strong>Peter Dahms<\/strong> [OpernInfo-Berlin.de \/ Dahms-Projekt.de]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dorothea Pachale\u00a0 &#8211; Stimme und Sprechen am Theater formen &#8211;\u00a0 Diskurse und Praktiken einer Sprechstimmbildung \u203af\u00fcr alle\u2039 vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart Print, 34,99 EUR 7\/2018, 340 Seiten kart. 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