Vision ›Gesamtkunstwerk‹

Rezensionen Literatur

Alexandra Vinzenz
Vision ›Gesamtkunstwerk‹
Performative Interaktion als künstlerische Form

im Juli 2018

456 Seiten kart., zahlr. z.T. farb. Abb.
Print-ISBN 978-3-8376-4138-7
PDF-ISBN 978-3-8394-4138-1

Aus der Reihe ‚Image‘ vom [transcript-verlag]

REZENSION:

Das vorliegende Buch ist eine umfangreiche Arbeit über die Geschichte des Begriff und der Definition des Konzepts „Gesamtkunstwerk“. Der Ursprung des Begriffs und eine erste Beschreibung des Anspruchs, sich einem „Gesamtkunstwerk“ anzunähern stammen von Richard Wagner aus den Jahren um die zweite Hälfte des 19.Jahrhunderts. Er greift dabei auf ältere Ansätze von 1827 zurück Karl Friedrich Eusebius Trahndorff (1728–1863) in seiner Schrift Ästhetik oder Lehre der Weltanschauung und Kunst (10)

Das Buch gliedert sich in fünf Hauptteile mit einem umfangreichen Anhang von neunzig Seiten darin fast achtzig Seiten mit Literaturnachweisen. Ebenso umfangreich die Zitate innerhalb des Textes. Damit hat die Arbeit einen, für eine typische Dissertation übliche Tiefe und Umfang. Bei der Lektüre zeigt sich, dass dieser Umfang dem Anspruch als umfangreiche Berücksichtigung des Themas über einen Zeitraum von mehr als hundertfünfzig Jahren gerecht wird.

Der zweite Teil nach der Einleitung (Anfänge des Begriffs und Konzepts ›Gesamtkunstwerk‹ Definitorische Überlegungen) die in die ersten Ideen und die Visionen Richard Wagners und seiner Umgebung einführt erklärt die Grundlagen und die Absichten der Beteiligten aus der Kunst- und auch der Architekturszene zur Realisierung ihrer Ziele. „Das theatrale Festspiel ist der Ausgangspunkt der Überlegungen zum ›Gesamtkunstwerk‹. Ihm wird von Richard Wagner zum einen eine Erlösungsfunktion m metaphysischen Bereich zugesprochen und zum anderen beinhaltet es mit der Abkehr von konkreten Staatsformen hin zu ästhetischen Handlungen aus innerer Notwendigkeit heraus eine politische Komponente.“ (31) Die Theorien und Gedanken Wagners finden auch weite Nachahmer: „Eine Weiterentwicklung und Umformung der Ideen Wagners wird v. a. mit den beiden Theaterreformern Adolphe Appia und Edward Gordon Craig ersichtlich.(33)“

Der dritte Teil ist der umfangreichste, (Kunst und Politik – Das ›Gesamtkunstwerk‹ von 1900 bis 1945) als Kern der Arbeit. Er befasst sich mit den Ideen und den einzelnen Entwicklungen, die versuchen, über die Kunst, die Verbindung der Künste untereinander und miteinander unter Einschließung des Publikums, den Rezensenten in das Konzept nicht nur ein Gesamtkunstwerk der Künste sondern im Ergebnis eine neue, visionäre Gesellschaftsstruktur zu schaffen. Die Autorin beschreibt die in dieser Zeit entwickelten und erprobten Möglichkeiten der Entwicklung über ein Theater- und Festspielkonzept, das Publikum mit aufzunehmen und dadurch eine neue Gesellschaftsstruktur zu entwickeln und zu erproben. Diese Zeit umfasst die Jahre etwa 1900 bis 1933.Das Konzept ist umfassend und betrifft die Einbindung aller Künste, die Architektur und das Zusammenleben. Konkrete Projekte werden beschrieben, Begriffe wie ‚Hellerau‘, Monte Veritá‘ und ‚Mathildenhöhe‘ und Namen wie Steiner, Gropius und Behrens stehen als Beispiele für Kunst und Gesellschaftsprojekte während dieser Zeit. Er überspannt die Zeit vom Anfang des 19.Jahrhunderts bis zum Jahre 1945. Einen breiten Raum nimmt die Zeit des Nationalsozialismus nach 1933 ein, in der die Theorie und die praktische Umsetzung des neuen Menschen in einer neuen Gesellschaftsstruktur in großen Umfang adaptiert wird „Perfide Realisierung des ›Gesamtkunstwerks‹? (244), um die Menschen in die völkischen Konzepte einzubinden. Hitlers Programmschrift „Mein Kampf“ wird zwar ausführlich im Hinblick auf die Ideologie und die Weltanschauung Hitlers, thematisiert, aber der latente Antisemitismus Hitlers, Wagners und deren Adepten und Mitläufer nur am Rande erwähnt, ebenso die Folgen. Da die beiden Weltkriege in diese Zeit fallen und in keiner Weise thematisiert werde, so ist das Ende dieses Kapitels mit der Zahl 1945 der einzige Hinweis auf das Ende des oder der Kriege in dieser Periode und deren Einflüsse und Folgen auf die Gesellschaft.

Der vierte Teil (Kunst und Leben – Das ›Gesamtkunstwerk‹ ab 1945) befasst sich folglich mit der Nachkriegszeit von 1945 bis heute. Nun verlagert sich die Auseinandersetzung mit dem Konzept und die Rezeption aus dem genuin theatralen in den weitergefassten aktionalen Bereich und damit in Galerien und auf die Straße (249) Hier wird ausführlich als Beispiel für die neuen Bewegungen und Experimente über die Aktivitäten und die Projekte von Joseph Beuys berichtet.

Der fünfte Teil (Demokratie und Anarchie – Ein Ausblick …)bietet einen Ausblick auf eine mögliche Weiterentwicklung des Konzepts des „Gesamtkunstwerk“ in Anlehnung an Richard Wagner durch Christoph Schlingensief und Jonathan Meese.

Bei allen kritischen Hinweisen auf offen gebliebene Fragen in der Arbeit bleibt das Buch eine umfangreiche, gut lesbare Lektüre, die zu weiterer Beschäftigung zu dem Thema einlädt und dabei materialmäßig eine gute Unterstützung zum Nachschlagen, zum Entdecken und zum Nachlesen bietet.

Peter Dahms [OpernInfo-Berlin.de / Dahms-Projekt.de]