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"Stimme und Sprechen am Theater formen" - im Juni 2018
Diskurse und Praktiken einer Sprechstimmbildung ›für alle‹ ....



Dorothea Pachale

Stimme und Sprechen am Theater formen

Diskurse und Praktiken einer Sprechstimmbildung ›für alle‹ vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart

Print, 34,99 EUR - 7/2018, 340 Seiten kart.
ISBN 978-3-8376-4484-5

E-Book (PDF), 34,99 EUR  - 6/2018, 340 Seiten 
ISBN 978-3-8394-4484-9

Aus der Reihe ‚Theater‘ vom [transcript-verlag]


REZENSION:

Das vorliegende Buch ist als Dissertationsschriftangenommen von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Die Autorin untersucht in dieser Arbeit das im Theaterumfeld praktizierte Vorgehen zur Entwicklung und Schulung der Sprechstimme für Schauspieler. Die dafür praktizierten  Übungen und eingesetzten Verfahren wurden im Laufe der sich entwickelnden Gesellschaft  auch als vorteilhaft für andere Bereiche, über das künstlerische hinaus auch in der Ökonomie, Politik und weitere Gesellschaftsstrukturen als vorteilhaft angesehen und adaptiert. Die Autorin sieht eine enge Verbindung dieser Entwicklung mit den sich bildenden  Strukturen der Disziplinargesellschaft nach McKenzie, analysiert in seiner Schrift „Perform or Else“ zur Performancegesellschaft, wie sie Foucault in seiner Schrift als „Überwachen und Strafen“ beschreibt. Dabei wird die Sprechstimmbildung, hervorgehend aus dem Theaterumfeld auf weitere Bereiche der Gesellschaft, als Prozess zur Entwicklung von Subjektivierungsprozessen übernommen und wird somit zu einer Praxis „für alle“.

Der beschriebene Zusammenhang der Praxis der Sprechstimmbildung  mit der  Entwicklung der Gesellschaftsstruktur soll in dieser Untersuchung hinterfragt werden, wie sich die gegenwärtigen Formen der Sprechstimmbildung von deren Erscheinungsformen vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts unterscheiden und welche Gemeinsamkeiten sie in den beiden Phasen aufweisen; dabei wird auch herausgearbeitet, inwiefern sich in der Entwicklung der Sprechstimmbildung teilweise ambivalente Tendenzen zeigen, die sich nicht nahtlos in eine strikte Gegenüberstellung der Dynamiken von Disziplinar- und Performancegesellschaft fügen und damit auch einen kritischen Blick auf die Gesellschaftsanalysen Foucaults und McKenzies erlauben.(21) 

„Mit Sprechstimmbildung wird in dieser Untersuchung eine Praxis bezeichnet, bei der die auf das Sprechen ausgerichtete Stimme ebenso wie Prozessaspekte des Sprechens geformt und verändert werden sollen. Dabei geht es um körperlich-mentale Aspekte, die beeinflusst werden sollen und die in sozialen Interaktions- und Kommunikationsprozessen eine Rolle spielen.[…]“(16) „An diesen wenigen Beispielen wird deutlich, dass es über die Beschreibung von Merkmalen von Stimme und Sprechen hinaus recht unterschiedliche Akzentuierungen dabei geben kann, wenn man die komplexen Phänomene Stimme und Sprechen zu fassen versucht. In der vorliegenden Untersuchung werden über die Übungspraktiken, die normativen Vorgaben und die institutionelle Einbettung der Sprechstimmbildung insbesondere die soziale Dimension der Stimme und des Sprechens sowie die Historizität ihrer diskursiven Verfasstheit in den Blick genommen.“ (21) In den folgenden Kapiteln wird die Entwicklung der  Sprechstimmbildung in historischer Sicht seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts über die Mitte des 20. Jahrhunderts um 1990 bis in die Gegenwart nachvollzogen  und  analysiert, in welcher Weise sich die Praktiken in weite Bereiche der Gesellschaft etablierten und damit eine Bildung „für alle“, d.h. für jeden, der sich in seiner beruflichen oder gesellschaftlichen Rolle Vorteile von einer Sprechstimmbildung versprach.

Hier einige Zitate zur Erläuterung der historischen Entwicklung:
„Ende des 19. Jahrhunderts verdichtet sich dann die Aufmerksamkeit für die Sprechstimme und ihre Ausbildung und nimmt spezifische Formen an, die in dieser Form neu sind: So entstehen eigene Übungsbücher, die dezidierte Übungsprogramme für die Stimme und das Sprechen enthalten und deren Ausrichtung mit der physiologisch-medizinischen Forschung zur Stimme zusammenhängt. Es kommt hier also erstmals zu einer schriftlichen Fixierung des Übungswissens um die Stimme und das Sprechen.“ (27) 
„Seit der Jahrhundertwende entsteht an deutschen Universitäten aus Lektoraten für Vortragskunst ein eigenes Fach Sprechkunde/Sprecherziehung‘, das sich um eine Institutionalisierung seiner Fachinhalte– Sprechstimmbildung, künstlerischer Vortrag und Redeschulung – an den Universitäten und Schulen sowie um eine Regulierung des Bereichs der frei arbeitenden Sprechstimmbildner bemüht. Diese Entwicklungen lassen sich als Verdichtung des Diskurses um die Formung von Stimme und Sprechen beschreiben, in der Art, dass hier in großem Ausmaße, explizit und in detaillierter schriftlicher Form Fragen der Sprechstimmbildung behandelt werden sowie intensive Debatten um eine Institutionalisierung dieser Inhalte geführt werden.“ (27)
„Die Unterstützung, die die Sprecherziehung im Nationalsozialismus erhielt, mag mit dazu beigetragen haben, dass das Fach ‚Sprechkunde/Sprecherziehung‘ nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik keine größere Unterstützung erfuhr. Innerhalb des Faches, das sich nun Sprechwissenschaft nennt, kommt es in der BRD zu einer Schwerpunktverlagerung hin zu Fragen rhetorischer Kommunikation, während die Sprechstimmbildung in den Hintergrund des Fachinteresses tritt.“ (28)
„Der Fokus dieser Untersuchung liegt auf der Sprechstimmbildung, die sich an eine breite Zielgruppe richtet, gleichzeitig zeigen sich hier zahlreiche Bezüge zu den spezialisierten Sprechstimmbildungspraktiken des Sprech- und Musiktheaters. Auch wenn die Ausbildung der Stimme von Sängern und Schauspielern hier also nicht im Mittelpunkt steht, so geht es doch um die Einflussnahme von Diskursen der Sprechstimmbildung aus dem Bereich der darstellenden Künste auf die Diskurse und Praktiken einer Sprechstimmbildung für ‚alle‘. Diese besteht beispielsweise darin, dass Übungsbücher und Methoden der Sprechstimmbildung, die zunächst im Kontext der Schauspielerausbildung entstanden sind, mit der Zeit an eine breitere Zielgruppe gerichtet werden.“ (30)

Die Autorin zieht das Fazit aus der Untersuchung:
„In der vorliegenden Untersuchung wurden die Diskurse und insbesondere die Übungspraktiken von Sprechstimmbildung im deutschsprachigen Raum in den Blick genommen. Ausgangspunkt war dabei die Beobachtung, dass es gegenwärtig zahlreiche Angebote zur Sprechstimmbildung gibt, die sich an eine breit gefächerte Zielgruppe richten – sei es in der Form von Übungsbüchern, als Gruppenseminare oder Einzeltrainings. Mit Blick auf die geschichtliche Entwicklung zeigte sich zudem, dass die Sprechstimme und ihre Formung bereits seit den letzten Dekaden des 19. Jahrhunderts verstärkte Aufmerksamkeit erhielt – eine Entwicklung, die mit dem Zweiten Weltkrieg zunächst endete. Für beide Phasen ließen sich intensive Wechselbeziehungen und Bezüge zwischen dem Bereich des Theaters und der Sprechstimmbildung ‚für alle‘ herausarbeiten, die jedoch nicht nur in Austauschprozessen, sondern auch in Abgrenzungsbewegungen bestehen.“ (307)

Damit zur Beantwortung der Frage, worin zeigt sich der Einfluss der Gesellschaftsform auf diese Entwicklung, der einführend postuliert wurde? „Dennoch ließen sich ausgehend von den beiden Gesellschaftsanalysen unterschiedliche Zuschreibungen und Erwartungen herausarbeiten, die sich mit der Formung der Stimme und des Sprechens verbinden. Tendenziell gab es in der ersten ‚Hochphase‘ der Sprechstimmbildung ein starkes Interesse, das Sprechen an einheitlichen Normen auszurichten und über eine breit ausgerichtete strukturelle Verankerung möglichst viele Individuen mit diesen Uniformierungstendenzen zu erfassen – auch wenn eine umfassende Umsetzung nicht erfolgte. In der Gegenwart verbindet sich mit Praktiken der Sprechstimmbildung das Versprechen für den Einzelnen, den Anforderungen an soziale Interaktion genügen zu können, die sich in der Performancegesellschaft oft genug als schwer vorhersehbar gestalten. Um in diesen Dynamiken zu bestehen, erscheinen die Stimme und das Sprechen als wichtige Faktoren alltäglicher Selbstdarstellung. Die Sprechstimmbildung erscheint dabei als eine vielschichtige Praxis, die für die handelnden Subjekte einerseits mehr Handlungsmacht verspricht, zugleich jedoch auch selbst normative Wirkung entfaltet.“ (310)

Das Buch ist eine hochinteressante Analyse, über eine Technik aus der Theaterumgebung und -praxis, die  im Laufe der fortschreitenden  Gesellschaftsentwicklung in weiten Kreisen Interesse findet und als Technik der persönlichen  Optimierung im gesellschaftlichen Umfeld übernommen wird und in weiten Bereichen Anwendung findet.

Peter Dahms [OpernInfo-Berlin.de / Dahms-Projekt.de]


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