Geschichte versus Technikgeschichte?

Unter Geschichte oder Geschichtswissenschaft verstand man bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts vorrangig die politische Geschichte. Danach wurde zunehmend die sozialwissenschaftliche Seite der Geschichte in das Blickfeld gebracht. Der Gegensatz zwischen diesen beiden Richtungen hat sich aus einem nebeneinander und teilweise gegeneinander in ein miteinander aufgelöst und ist heutzutage die bevorzugte Betrachtungs- und Untersuchungsweise. Geschichte ist jedoch nicht nur dieser Hauptstrang der Forschung. Es bestehen parallel dazu die verschiedensten Bereiche geschichtlicher Betrachtung, die auf verschiedene Art mit der Entwicklung anderer Sachbereiche verknüpft sind. Es wird beispielsweise in Sozialgeschichte, Musikgeschichte, Rechtsgeschichte, Religionsgeschichte, Architekturgeschichte, Geschlechtergeschichte, Wirtschaftsgeschichte und auch Technikgeschichte gearbeitet, jeder Fachbereich hat seine eigene Geschichte. Ein Historiker wird jedoch ‚seine politische-sozialwissenschaftliche Geschichte’ als ‚die Geschichte’ und die meisten ‚anderen Geschichten’ z.B. Die Technikgeschichte als ‚Artefakte beschreibende Erzählungen’ werten.
     Der VDI Arbeitskreis Technikgeschichte beschreibt diesen Zustand mit dem folgenden Zitat:
     >Noch immer durchzieht die 1959 von Charles Percy Snow (1905-1980) in seinem Buch "The Two Cultures and the Scientific Revolution" beschriebene Kluft zwischen den "Zwei Kulturen", zwischen der geisteswissenschaftlichen und der naturwissenschaftlich-technischen Kultur in all ihren Facetten die gesamte Gesellschaft.<
     Diese Feststellung findet man in vielen Arbeiten über Technikgeschichte und ‚techniknahe’ Geschichte als Anmerkung, offene Kritik oder Anregung für künftige Arbeiten.

     Volker Benad-Wagenhoff beschreibt in seiner Dissertation [1] über Technikgeschichte folgendes: „Die ältere deutsche Technikgeschichte wurde von Ingenieuren betrieben; dafür stehen Namen wie Beck, Matschoß, Buxbaum und Wittmann. Ihr lag ein Technikbegriff zugrunde, der sich auf Artefakte (Werkzeuge, Maschinen und Anlagen) und deren abstrakte Funktionsprinzipien beschränkte, also auf Sachtechnik (nach Ropohl 1979). Sie versuchte, im historischen Längsschnitt morphologische Reihen zunehmend komplizierteren Mechanismen aufzustellen und geriet dabei zur bloßen Konstruktionsgeschichte. Menschen kamen vor allem als geniale Konstrukteure vor. Im Mittelpunkt standen die Erfinderleistung, das Patent, die sensationelle Neuerung: große Männer machten großartige Maschinen. Der reale technische Handlungsablauf wurde selten berücksichtigt. Die Arbeitswirklichkeit im Betrieb, Bedeutung und zeitliche Reihenfolge der Verrichtungen, das Verhältnis von Hand- und Maschinenarbeit, die abverlangte Qualifikation, körperliche und geistige Anspannung und der Zeitrhythmus der Arbeit konnten nicht erfasst werden. (…) statt menschlicher Arbeit betrachtete man das >Arbeiten< von Maschinen.
     Diese >technizistische< Verengung von Technikgeschichte ist zu Recht kritisiert worden. Als Reaktion gibt es nun aber eine sozialwissenschaftliche Tendenz, um Artefakte und Verfahren einen Bogen zu machen und nur noch von Menschen und ihren sozialen Beziehungen auszugehen. (…) wendet sich den >sozialen Auswirkungen< der >Technik< zu, ohne deren Wirkungsweise zu verstehen. (…) Verkürzungen von Technikgeschichte lassen sich nur vermeiden, wenn man einen Technikbegriff benutzt, der die dinglichen und die sozialen Komponenten in angemessenes Verhältnis setzt. (…) Zur Technik gehören (…) immer Menschen, Artefakte und Handlungen. (…) Der Ansatzpunkt für Technikgeschichte liegt (…) in der realen technischen Handlung, in der vorhandene Sachtechnik und soziale Wirklichkeit aufeinandertreffen. (…) Von hier aus lässt sich dann der Kreis weiter ziehen zu Bereichen wie Alltagsleben, Mentalitätsgeschichte, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, deren Stränge immer auch durch die untersuchte technische Handlung laufen.“

     Flurin Condrau bemerkt in seiner Untersuchung des Forschungsstandes der Industrialisierung in Deutschland [2], über die Technik als Handlungsträger: „Die Technik gilt nicht zufällig als eine der wichtigsten Triebkräfte der Geschichte.“ Und er schreibt weiter, dass „technische Artefakte in den westlichen Gesellschaften in einer Vielzahl von Narrativen zu Handlungsträgern geworden sind“. Er bringt den Kompass mit der Durchführung der Kolonisation in Beziehung und die Druckerpresse mittelbar als Auslöser für die Reformation. Er merkt an, dass eine Erfindung als plötzlich auftretend dargestellt wird, um dann als unabhängige Kraft, die Geschichte von sich aus beeinflussen kann. Die Technik wird als Element mit Eigendynamik beschrieben, die als Eisenbahn, Automobil oder auch als Computer, Kühlschrank oder Flugzeug als Akteur der Geschichte nicht mehr zu steuern ist. Er kritisiert, dass diese deterministische Sicht nicht nur lange Zeit von Technischen Museen in zahllosen Ausstellungen über große Männer und ihre Erfindungen vertreten wurde, sondern sie würde auch bis heute von den Medien und der Politik verbreitet.
     Er schreibt weiter: „Die Frage aber, ob Technik die Geschichte vorantreibt oder ob vielmehr soziale Bedingungen für die Entwicklung der Technik ausschlaggebend sind, war und ist ein zentraler Punkt in der Beurteilung des Stellenwerts der Technik in der Geschichte.
    Eine Richtung der Technikgeschichte vertritt die Interpretation, dass die Technik selbst über Handlungspotential verfüge. Damit besitze die Technik, nicht die Menschen, die sie einsetzen, die Macht, gesellschaftlichen Wandel zu erzeugen. Sobald sich eine neue Technik durchsetzt, führe dies zu einer Konstellation, aus der es kein Ausbrechen mehr gebe.“
     „ Den Gegenpol zum technischen Determinismus bildet der Sozialkonstruktivismus. Dieser Ansatz geht davon aus, dass Technik selbst keine Handlungskraft besitzt. Ihre Wirkung kann sich nach diesem Untersuchungsansatz nur aufgrund sozialer Faktoren und menschlichen Handels entfalten.“ (…)
     „ Auf die Frage, wie man ‚gebaute’ Natur als kausal erklärbar konzipierte physische Gegebenheiten in sozialwissenschaftliche Theorien einbauen kann, ist noch keine abschließende Antwort gefunden worden.“

     Auf einen anderen Bereich in der ‚Kenntnisnahme von technischen Geschichtsarbeiten’ soll hier noch mit zwei Beispielen hingewiesen werden:
     Miron Mislin bemerkt zum Stand der Forschung für seine Arbeit über die Industriearchitektur in Berlin [4], dass eine Arbeit von 1869, L. Klasen „Grundriss-Vorbilder der Fabrikanlagen, in sieben Bänden“ bei den Architekturhistorikern ebenso wenig Beachtung fand, wie die Arbeiten von L. Utz „Moderne Fabrikanlagen“ von 1907 und C. Th. Buff „Werkstattbau“ von 1921 oder H. Maier-Leipnitz „Der Industriebau“ von 1932.
     Günther Drehbusch schreibt in der Einleitung seines Bandes über Industriearchitektur [5] innerhalb der ‚Heyne Stilkunde’ folgendes: „Es steht außer Zweifel, dass in der über 170jährigen Geschichte der Industriearchitektur eigene Stilelemente verborgen liegen, die in einem tiefergehenden Sinne bezeichnend für die gesellschaftlichen Entwicklungen im industriellen Zeitalter sind. Um so mehr verblüfft, dass die Baukunst der Industriegesellschaft unter stilkritischen Gesichtspunkten bisher ein wenig stiefmütterlich erfasst worden ist.“

     Man muss schon das Format eines Historikers wie Franz Schnabel haben, seine geistige  Originalität und Unabhängigkeit um eine Arbeit wie seine ‚Geschichte des 19.Jahrhunderts’ vorzulegen in dem er im dritten Band ‚Erfahrungswissenschaft und Technik’ [3], erschienen 1934, im Vorwort und auch im gesamten Band auf die untrennbare Verbindung von Verfassungsgedanken, Erfahrungswissenschaften und Technik hinweist. Es entspricht nicht mehr den Vorstellungen der nachfolgenden Historikergenerationen aber es ist auch heute noch mit Vergnügen und Gewinn zu lesen wie er mit großer Sachkenntnis historische, technische, wirtschaftliche, soziale und politische Themen in Beziehung setzt und damit ein anschauliches Panorama des 19.Jahrhundeert zeichnet.


[1] Benad-Wagenhoff, Volker: Industrieller Maschinenbau im 19.Jahrhundert.
     Werkstattpraxis und Entwicklung spanabhebender Werkzeugmaschinen
      im deutschen Maschinenbau 1870-1914. Dissertation Stuttgart 1993.
[2] Condrau, Flurin: Die Industrialisierung in Deutschland.
      Darmstadt 2005.
[3] Schnabel, Franz: Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert.
      Band 3: Erfahrungswissenschaften und Technik. Freiburg im Br. 1934,
      Nachdruck München 1987.
[4] Mislin, Miron: Industriearchitektur in Berlin 1840-1910.
      Berlin 2002.
[5] Drehbusch, Günther: Industrie Architektur. München 1976.



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