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"Alexander von Swaine"

,

Alexander von Swaine
Tanzende Feuerseele. Biografie

von Ralf Stabel

Buch, gebunden Hardcover
1.Auflage 192 Seiten

22,95 EUR(D) inkl. 7% MwSt.
23,60 EUR(A)
32,90 CHF

ISBN 978-3-89487-757-6
Erscheinungsdatum: 17.02.2015

Henschel Verlag


".Ich bin immer ein Solitär gewesen"


Mehrdeutig ist der Satz, mit dem sich der Tänzer A1exander von Swaine selbst beschreibt. Nach Lektüre seiner im Frühjahr 2015 erschienenen Biografie ist man geneigt, ihm zuzustimmen: selbständig und solistisch im Beruf, einzelgängerisch und bisweilen menschenscheu im Privatleben war er. Im 21. Jahrhundert drohte er, in Vergessenheit zu geraten - und dass, obwohl er auf dem Höhepunkt seiner Karriere Vergleiche mit weltberühmten Zeitgenossen aus der Tanz- und Ballettwelt keineswegs zu scheuen brauchte. Die nun im Henschel Verlag vorgelegte, knapp 200 seiten starke Biografie von Prof. Dr. Ralf Stabei verhindert das endgültige Verschwinden dieses so außergewöhnlichen Künstlerlebens. Mit dem Deutschen Tanzarchiv Köln als Herausgeber ist eine großartige Dokumentation gelungen, die nicht nur A1exander von Swaine wieder höchst lebendig werden lässt, sondern auch einen gesellschaftlichen Bezug herstellt und damit ein Stück Zeitgeschichte liefert.

Als Alexander August Leopold Denis Robert Freiherr von Swaine wurde er am 28. Dezember 1905 in München geboren. seine Mutter starb, als er sieben Jahre alt war; weitere Schicksalsschläge folgten. Er quälte sich durch die Schulzeit und fragte sich an deren Ende: Was soll bloß aus mir werden? sein Vater hatte einen eher kränkenden Rat: "Am besten, du lernst gar nichts und reist nur" - hieß einerseits, dass er sich dank adeliger Herkunft um Geld keine Gedanken machen müsse, aber eben auch, dass der Vater ihm nichts zutraute. Schließlich begann er in Potsdam bei Botjo Markoff, einem Schüler des Ausdruckstanz-Pioniers Rudolf von Laban, mit dem Tanzen. Bald war klar, dass er auch Ballett erlernen müsse, sofern er Tanz zum Beruf machen wollte. Und so trainierte er ab 1926 bei der russischen Ballerina Eugenia Eduardowa in Berlin. Eine Schulung sowohl in Modernem als auch in Klassischem Tanz war damals ungewöhnlich, standen sich die beiden Tanzlager seinerzeit doch meist feindlich gegenüber. Genau : dieser Brückenschlag indes wurde sein Kapital: Die Technik des Balletts und die Ausdrucksfähigkeit des Modernen Tanzes verbanden sich in seinem Körper zu einem außergewöhnlich idealen Zusammenspiel. Beim Debüt mit der EduardowaSchule entdeckte Max Reinhardt 1929 das junge Talent und engagierte es am , folgenden Tag vom Fleck weg für seine Inszenierung von Shakespeares . "Sommernachtstraum" - für die kein Geringerer als George Balanchine die Choreografie schuf.


Alexander von Swaine
Szene aus „Ein Sommernachtstraum“, 1930
Inszenierung: Max Reinhardt
Foto ©  Hans Robertson./ Deutsches Tanzarchiv Köln

Nur zwei Jahre später gestaltete der 25-Jährige sein erstes eigenes SOloprogramm - Engagements an großen Theatern und die Auftritte als freier Tänzer (mit oder ohne Partnerin) ließen sich offenbar gut miteinander verbinden. An der Städtischen Oper Berlin tanzte er beispielsweise die Titelrolle in der "Josephslegende", im eigenen Abend interpretierte er "L'apres-midi d'un faune"; jene Rolle eines Wesens halb Mensch, halb Tier legte einen Vergleich mit dem berühmten Tänzer Vaslav Nijinsky nahe, und es gab tatsächlich Kritiker, die der Deutung des jüngeren von Swaine den Vorzug gaben. Diese Urteile der Zeitgenossen gibt Ralf Stabei im Original-Ton wieder, so wie er Stimmen damaliger Rezensenten grundsätzlich einen großen Raum zugesteht. Dem nationalen Erfolg A1exander von Swaines folgte der internationale Durchbruch, der Deutschlandtournee eine erste ElJropatolJrnee 1934. Von Swaine tanzte an der Mailänder scala und wirkte in Filmen mit, unter anderem neben Marika Rökk. Doch die Machtübernahme der Nationalsozialisten veränderte die Arbeitsbedingungen von Künstlern auf gravierende Weise. An dieser Stelle fügt der Autor im Kapitel "Tanzen im ,Dritten Reich'" zum besseren Verständnis vier Fallbeispiele ein: Das unterschiedliche Verhalten von Palucca, usa Czobel, Mary Wigman und Harald Kreutzberg werden Alexander von Swaine vergleichend gegenüber gestellt. Und Letztgenannter wird ein Fall für das Berliner Schöffengericht: Wegen "widernatürlicher Unzucht" wird er 1935 gemäß § 175 und § 44 zu acht Monaten Gefängnis verurteilt - jemand hatte den homosexuellen Tänzer denunziert. Nach der Haft ist er abhängig von der Gnade des Ministers Joseph Goebbels, der bereit ist, den Ausschluss aus der Fachschaft Bühne zurückzunehmen, mit dem besonderen Hinweis, "dass dieser Gnadenerweis eine besondere Ausnahme ist und dass er bei irgendwelchen Vorkommnissen oder auch nur bei einem Verkehr in homosexuellen Kreisen mit keiner weiteren Gnade mehr zu rechnen hat."

Für die damalige Zeit ungewöhnlich waren von Swaines Gastspielreisen nach Südostasien, damals noch Niederländisch-Indien, die er ab 1937 unternimmt. Dort indes gilt der Deutsche 1940 plötzlich als Feind, nachdem die Wehrmacht in , den Niederlanden einmarschiert war. Er wird interniert und bleibt sechseinhalb Jahre in Kriegsgefangenschaft.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und seiner Rückkehr nach Deutschland gelingt ihm ein bemerkenswertes Comeback mit der fünf Jahre jüngeren usa Czobel, die als Jüdin während der Nazi-Zeit emigrierte und ebenfalls erst nach 1945 in ihr Heimatland zurückkehrt. In einem Alter, in dem die meisten Tänzer längst von der Bühne abgetreten sind, feiert das Paar noch einmal enorme Erfolge. Alexander von Swaine erinnert sich in der Rückschau: "Die Zusammenarbeit mit Lisa Czobel war von einer beglückenden Harmonie und hat einem jeden von uns neue Gebiete eröffnet, nie hat ein Schatten diese Arbeitsgemeinschaft (...) . getrübt." 1965 reist er nach Mexiko, wo er in voran gegangenen Jahren hin und wieder unterrichtend Station gemacht und Freunde besucht hatte. Nun bleibt er . und baut sich im 85 Kilometer von der Hauptstadt entfernten Cuernavaca eine neue Existenz als Tanzpädagoge auf. Der Rückzug aus Europa mag ein Grund für die Tatsache sein, dass der international gefeierte, charismatische Tänzer hierzulande vergessen wurde. Doch Autor Ralf Stabei findet weitere mögliche Ursachen: Am kulturellen Rahmenprogramm der Olympiade in Deutschland nahm er 1936 nicht teil - obwohl (mit Ausnahme von Laban) alle damaligen Größen des Tanzes als Aushängeschild eingebunden waren. Auch während seiner Internierung ab 1940 konnte er für rund sieben Jahre nicht von der Öffentlichkeitwahrgenommen werden.

Das ändert sich mit Erscheinen der Biografie: Nach einigen Jahren Vorarbeit, Recherchen in Archiven und Einsicht in die Korrespondenz des Künstlers, schließt die Veröffentlichung eine Lücke, die zugleich der Geschichte des Ausdruckstanzes ein bedeutendes Kapitel hinzufügt. Unter diesem Aspekt ist ein kleiner Exkurs im Buch besonders hervorzuheben, in dem Ralf StabeI "Die besondere Kunst des A1exander von Swaine" in einen tanzhistorischen Kontext einbettet und die Nähe ! zu den .Ballets Russes" betont: Nur zwanzig Jahre später greift von Swaine ebenfalls die Figur .Petruschka" auf, tanzt ebenso den "Faun". Mag das eigenwillige Interpretieren bereits bekannterThemen zur Popularität beigetragen haben, so war er doch mit seinem breiten Spektrum eigener Choreografien eine individuelle Persönlichkeit der damaligen Tanzwelt: In "Golgatha" verwandelte er ein Gefühl des Schmerzes in erschütternde Gebärden; im "Nachtlied" stilisierte er die schwere, tägliche Arbeit eines Lastenträger; einen spanischen Tanz beherrschte er ebenso wie einen deutschen Schuhplattler. Zu einer Art Signatur-Werk wurde sein "Derwisch", wie der Journalist Edouard Szarnba schreibt: "Dieser Art von Übung, die dem Fakirtum nahe steht, hat sich von Swaine, getrieben von dem äussersten Radikalismus seiner geistigen Verfassung, . sehr früh hingegeben. Man braucht nur seinen Derwisch-Tanz zu sehen, - einen seiner ersten Tänze - die Drehbewegung, in der der Körper ekstatisch rautiert und in sich selbst zusammensinkt, den magischen Kreisel, die Bewegung, die kein Ende hat bis zur völligen Vernichtung und Zerknirschung. Eine Bewegung, die sich aufreibt, die allmählich durch ihre ekstatische Beständigkeit sämtliche Kräfte aufzehrt, alle Bande, die den Tänzer mit der Welt der Wirklichkeit verbinden, zerstört, bis zu seiner völligen Vernichtung, bis zur triumphalen  Niederlage. (...)"

[Dagmar Ellen Fischer]



Peter Dahms 27.12.2015

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